Warum Sie trotz „gesunder“ Fertigprodukte nicht optimal abnehmen?
Eine aktuelle Untersuchung des University College London, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Nature Medicine, zeigt: Der Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln beeinflusst den Gewichtsverlust deutlich – selbst dann, wenn die Nährwerte vergleichbar sind. Wer überwiegend minimal verarbeitete Lebensmittel zu sich nimmt, kann effektiver abnehmen als mit einer Ernährung, die überwiegend aus hochverarbeiteten Produkten besteht.
Hintergrund und Studiendesign
An der kontrollierten, acht Wochen dauernden Studie nahmen 55 übergewichtige Erwachsene (BMI > 25) teil. Das Studiendesign war als randomisiertes Crossover-Experiment angelegt:
- Phase 1: Ernährung mit hochverarbeiteten Lebensmitteln (Ultra-Processed Foods, UPF) oder minimal verarbeiteten Lebensmitteln (Minimally Processed Foods, MPF).
- Pause („Washout“) von 2–4 Wochen, um kurzfristige Effekte auszugleichen.
- Phase 2: Wechsel der Ernährungsform.
Wichtige Details:
- Beide Ernährungsweisen entsprachen den offiziellen britischen Ernährungsempfehlungen (Eatwell Guide).
- Die Teilnehmer konnten ad libitum essen, also so viel sie wollten.
- Sie wussten nicht, dass der Fokus der Studie auf Gewichtsverlust lag, um unbewusste Verhaltensanpassungen zu vermeiden.
Was zählt als hochverarbeitet?
Laut NOVA-Klassifikation gehören zu hochverarbeiteten Lebensmitteln z. B.:
- Müsliriegel, Proteinriegel
- Tiefkühl-Lasagne, Fertigsuppen
- Frühstücksflocken mit Zuckerzusatz
- Softdrinks und aromatisierte Milchgetränke
- Instantnudeln oder Snacks mit künstlichen Aromen
Minimal verarbeitete Alternativen sind dagegen:
- frisches Obst und Gemüse
- selbst gekochte Mahlzeiten aus Grundzutaten (z. B. hausgemachte Spaghetti Bolognese)
- Haferflocken, Naturjoghurt, Hülsenfrüchte
- Wasser, ungesüßter Tee oder Kaffee
Kernergebnisse der Studie
- Gewichtsverlust
- MPF-Phase: durchschnittlich –2,06 % des Körpergewichts
- UPF-Phase: durchschnittlich –1,05 %
→ Trotz vergleichbarer Nährstoffzusammensetzung schnitten minimal verarbeitete Lebensmittel fast doppelt so gut ab.
- Körperzusammensetzung
- Der Gewichtsverlust in der MPF-Phase ging vor allem auf den Abbau von Fettmasse zurück.
- Muskelmasse blieb erhalten – ein wichtiger Faktor für den langfristigen Stoffwechsel.
- Hungergefühl und Heißhunger
- MPF führte zu weniger Cravings und einer besseren Kontrolle über Essgelüste.
- UPF verstärkte tendenziell den Drang, mehr zu essen.
- Langfristige Schätzung
- Bei Fortführung: möglicher Jahresverlust von bis zu 13 % Körpergewicht bei Männern und 9 % bei Frauen (MPF).
- UPF: nur etwa 4–5 %.
Wissenschaftlicher Kontext und Kritik
Frühere Studien, u. a. des US National Institutes of Health, haben bereits gezeigt: Hochverarbeitete Kost kann zu 500–800 kcal Mehrverzehr pro Tag führen – auch hier trotz vergleichbarer Makronährstoffwerte.
Stärken dieser Studie:
- Längste bisherige Untersuchung unter Alltagsbedingungen (8 Wochen).
- Realistische Mahlzeitengestaltung, nicht nur stationäre Laborkontrolle.
Einschränkungen:
- Relativ kleine Stichprobe (n=55) limitiert die Aussagekraft zu Stoffwechselmarkern.
- Crossover-Design könnte Rest- oder Lerneffekte verursachen.
- Längere Auswaschzeiten zwischen den Phasen wären methodisch wünschenswert gewesen.
Gesellschaftliche und politische Bedeutung
Die Ergebnisse sprechen für eine Neuausrichtung der Ernährungspolitik:
- Nicht nur Kalorien und Makronährstoffe zählen – auch der Verarbeitungsgrad ist entscheidend.
- Forderungen von Experten: stärkere Regulierung von Werbung, Steuern auf hochverarbeitete Produkte, Subventionen für frische Lebensmittel.
- Ziel: Gesunde Ernährung nicht nur zur individuellen Verantwortung machen, sondern strukturell erleichtern.
Fazit
Minimal verarbeitete Lebensmittel begünstigen nachhaltigen Gewichtsverlust, erhalten Muskelmasse und reduzieren Heißhunger – selbst bei gleichen Nährwerten. Hochverarbeitete Produkte hingegen können trotz „gesunder“ Etiketten den Abnehmerfolg deutlich bremsen.
Praktische Tipps für Ihren Alltag
- Reduzieren Sie Fertiggerichte, Riegel und abgepackte Snacks.
- Kochen Sie öfter frisch aus einfachen Zutaten.
- Planen Sie Mahlzeiten so, dass Sie lange satt bleiben.
- Lesen Sie Zutatenlisten – je kürzer und verständlicher, desto besser.
- Trinken Sie überwiegend Wasser oder ungesüßte Getränke.

