Gesundheitsexperte warnt vor politisch forcierten Kassen-Fusionen
Die Debatte um die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gewinnt an Schärfe. Während einige Politiker eine drastische Reduzierung der Krankenkassenzahl fordern, schlägt der stellvertretende Vorsitzende der Finanzkommission Gesundheit, Prof. Ferdinand Gerlach, Alarm. Er bezeichnet die Forderung nach einem politisch forcierten Abbau der Kassen als „uninformierte populistische Forderung“ und warnt vor negativen Folgen für den Wettbewerb und die Beitragssätze .
Die zentralen Argumente Gerlachs im Detail
1. Die Konzentration findet bereits statt
Der Markt hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits massiv konsolidiert. Waren es Anfang der 1990er-Jahre noch über 1.100 Krankenkassen, ist ihre Zahl bis Anfang 2026 auf 93 gesunken . Schon heute vereinen wenige große Kassen einen Marktanteil von über 80 Prozent auf sich . Der natürliche Konzentrationsprozess ist also längst im Gange – eine politische Forcierung sei daher überflüssig.
2. Größe allein senkt nicht die Kosten
Gerlach betont, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Größe einer Krankenkasse und ihren Verwaltungskosten pro Versicherten gebe . Die Verwaltungskosten aller gesetzlichen Krankenkassen zusammen liegen bei knapp vier Prozent der Gesamtausgaben . Die Gehälter aller 93 Kassenvorstände machen zusammen lediglich 0,005 Prozent der Ausgaben aus . Selbst wenn man diese komplett streichen würde, wäre dies beitragstechnisch kaum spürbar .
3. Das Ausland als warnendes Beispiel
Verweise auf Österreich untermauern Gerlachs Argumentation: Dort wurden 2020 neun Gebietskrankenkassen zu einer einzigen Gesundheitskasse zusammengeführt – ohne signifikante Kostenvorteile zu erzielen . Im Gegenteil: Eine Reduktion der Krankenkassenzahl kann den Wettbewerb um günstige Beitragssätze verringern und sogar zu steigenden Verwaltungskosten führen .
Präzisierungen und Ergänzungen
Zur 4-Prozent-Quote: Die genannte Verwaltungskostenquote von knapp vier Prozent bezieht sich ausschließlich auf die Verwaltungsausgaben der Krankenkassen selbst. Sie erfasst nicht die indirekten Bürokratiekosten bei den Leistungserbringern – also in Arztpraxen, Krankenhäusern und Therapieeinrichtungen. Rechnet man diese hinzu, ergeben sich Schätzungen zufolge Gesamtverwaltungskosten von rund zehn Prozent der GKV-Ausgaben .
Zur rechtlichen Dimension: Krankenkassen sind keine gewöhnlichen Privatunternehmen, sondern rechtsfähige Körperschaften des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung. Eine politische „Fusion per Anordnung“ ist rechtlich und praktisch deutlich schwieriger als bei privaten Unternehmen. Zudem besteht für Versicherte ein gesetzlich geschütztes Kassenwahlrecht .
Zum Hintergrund der Debatte: Die Forderungen nach weniger Krankenkassen fallen in eine Phase großer finanzieller Anspannung im Gesundheitswesen. Die Finanzkommission Gesundheit hat kürzlich 66 Empfehlungen vorgelegt, um die Beitragssätze zu stabilisieren – mit einem Einsparvolumen von 37 Milliarden Euro für 2027 . Ohne Reform wird für 2027 ein Defizit von 15,3 Milliarden Euro erwartet . Die Diskussion um Kassenfusionen lenkt nach Ansicht vieler Experten von den eigentlichen Kostentreibern ab: den Leistungsausgaben für Krankenhäuser, Arzneimittel und Arzthonorare .
Fazit
Die Analyse von Prof. Gerlach zeigt: Die Forderung nach einer politisch forcierten Reduzierung der Krankenkassenzahl ist weder ein Allheilmittel für die Finanzprobleme der GKV noch wird sie den erhofften Beitragssenkungseffekt bringen. Der natürliche Konzentrationsprozess hat bereits stattgefunden, und die verbleibenden Verwaltungskosten sind für die Beitragssätze kaum relevant. Wer das Gesundheitssystem nachhaltig stabilisieren will, muss an den eigentlichen Kostentreibern ansetzen: bei der Steuerung von Mengenausweitungen, bei Preiseffekten bei Arzneimitteln und bei strukturellen Reformen der Versorgung .
Die Diskussion um die Kassenanzahl droht, den Blick auf diese drängenden Probleme zu verstellen – und gefährdet möglicherweise sogar den Wettbewerb, der Innovationen und Qualität in der Versorgung vorantreibt .
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