Vegetarisch leben – geringeres Krebsrisiko?
Was eine große Studie wirklich zeigt
Eine der bislang größten Langzeitstudien zur Ernährung und Krebsrisiko zeigt: Wer sich vegetarisch oder vegan ernährt, hat ein messbar geringeres Risiko für mehrere Krebsarten. Gleichzeitig werfen einzelne Befunde neue Fragen zu spezifischen Risiken und Nährstoffmängeln auf. Was steckt hinter den Zahlen – und wie belastbar sind sie wirklich?
Die Studie: Methode und Umfang
Ende Februar 2026 erschien im renommierten Fachblatt British Journal of Cancer eine Metaanalyse, die neun Langzeitstudien aus vier Ländern – Großbritannien, den USA, Taiwan und Indien – zusammenführt. Insgesamt wurden die Daten von rund 1,8 Millionen Menschen ausgewertet, darunter rund 1,6 Millionen Fleischesser, 57.000 Geflügelesser, 42.000 Pescetarier (Fischesser ohne Fleisch), 63.000 Vegetarier und 8.000 Veganer. Der Beobachtungszeitraum betrug im Durchschnitt 16 Jahre – ein ungewöhnlich langer Zeitraum, der die statistische Aussagekraft erhöht.
Durch den Rückgriff auf offizielle Krebsregister zur Diagnoseerfassung gehört die Studie methodisch zu den solideren Untersuchungen auf diesem Forschungsgebiet.
Positive Befunde: Geringeres Risiko für fünf Krebsarten
Menschen mit pflanzenbetonter oder fleischfreier Ernährung hatten in der Studie ein deutlich geringeres Risiko für mehrere Krebsarten. Die folgende Übersicht fasst die Ergebnisse zusammen:
| Krebsart | Risikoreduktion | Anmerkung |
| Multiples Myelom (Knochenmark) | −30 % | Stärkste beobachtete Reduktion in der Studie |
| Nierenkrebs | −28 % | Gilt für Vegetarier und Veganer |
| Bauchspeicheldrüsenkrebs | −21 % | Stark mit Ernährung assoziiert |
| Prostatakrebs | −12 % | Auch bei reinem Geflügelkonsum reduziert |
| Brustkrebs | −9 % | Geringste, aber statistisch signifikante Reduktion |
Diese Befunde decken sich mit dem, was aus anderen Untersuchungen bereits bekannt ist: Pflanzliche Ernährungsweisen enthalten in der Regel mehr Ballaststoffe, Carotinoide und Vitamin C, dafür weniger gesättigte Fette und bestimmte tierische Proteine – Faktoren, die in der Krebsforschung eine protektive Wirkung haben dürften.
Das Risikosspektrum: Schon weniger Fleisch hilft
Besonders aufschlussreich ist das Muster über alle Ernährungsgruppen hinweg. „Das Krebsrisiko scheint mit der Menge und Art des konsumierten Fleisches zu steigen“, so Ernährungsforscherin Nerys Astbury von der University of Oxford. Das Risiko nimmt graduell ab: Geflügelesser schneiden besser ab als Personen mit gemischtem Fleischkonsum; Pescetarier wiederum besser als Geflügelesser; Vegetarier haben schließlich bei mehreren Krebsarten das niedrigste Risiko.
Dies bedeutet: Auch eine bloße Reduzierung des Fleischkonsums – ohne vollständigen Verzicht – kann bereits gesundheitliche Vorteile bringen. Ein konkretes Beispiel aus den Daten: Männer, die ausschließlich Geflügel essen, haben ein geringeres Risiko für Prostatakrebs als jene, die regelmäßig rotes Fleisch verzehren.
Risiken: Speiseröhrenkrebs und der Faktor Nährstoffmangel
Die Studie zeigt auch einen beunruhigenden Befund: Vegetarier wiesen ein fast doppelt so hohes Risiko für Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre auf (Risiko-Quotient 1,93). Dabei handelt es sich um die häufigste Form von Speiseröhrenkrebs.
Als mögliche Erklärung diskutieren die Forschenden einen Mangel an Riboflavin (Vitamin B2) und Zink – zwei Mikronährstoffe, die in tierischen Produkten besonders reichhaltig vorkommen. Hinweise dafür liefern auch geografische Beobachtungen: Regionen mit extrem hohen Speiseröhrenkrebs-Raten wie der Nordost-Iran oder die chinesischen Regionen Linxian und Cixian zeichnen sich durch sehr eingeschränkte Ernährungsweisen mit geringem Proteingehalt aus.
Überraschend: Veganer und Darmkrebs
Ein weiterer, auf den ersten Blick überraschender Befund: Veganer schienen ein rund 40 Prozent höheres Risiko für Darmkrebs zu haben. Die Studienautoren selbst betonen jedoch ausdrücklich, dass dieses Ergebnis mit Vorsicht interpretiert werden sollte.
Denn die Grundlage ist schmal: Das erhöhte Risiko basiert auf nur 93 Erkrankungsfällen unter Veganern in sieben Studien, wobei in fünf dieser Studien jeweils weniger als zehn Fälle auftraten. Zudem verschwand der statistische Effekt, sobald die ersten vier Jahre der Nachbeobachtung ausgeklammert wurden – ein Hinweis darauf, dass möglicherweise ein sogenannter „Reverse-Causation-Effekt“ vorliegt: Menschen, die bereits erkrankt sind oder sich unwohl fühlen, ändern ihre Ernährung.
Als mögliche Erklärung für das beobachtete Muster nennen die Forschenden eine geringere Kalziumzufuhr bei manchen veganen Ernährungsweisen. Die Schlussfolgerungen des World Cancer Research Fund (WCRF) stützen dies: Kalzium – ob aus Milchprodukten oder Nahrungsergänzungsmitteln – wirkt wahrscheinlich schützend gegenüber Darmkrebs. Auch ein Mangel an langkettigen Omega-3-Fettsäuren könnte eine Rolle spielen. Zudem bleibt unklar, was die Studienteilnehmenden tatsächlich gegessen haben: Auch wer sich vegan ernährt, kann stark verarbeitete und nährstoffarme Produkte konsumieren.
Praxishinweis: Wer sich vegan ernährt, sollte besonders auf eine ausreichende Versorgung mit Kalzium, Vitamin B12, Vitamin D, Jod, Zink und langkettigen Omega-3-Fettsäuren achten. Eine regelmäßige ärztliche Kontrolle der Blutwerte ist empfehlenswert.
Methodische Einschränkungen: Was die Studie nicht leisten kann
Die Studie gilt trotz ihrer beeindruckenden Größe als Beobachtungsstudie – und das ist ein grundlegendes methodisches Limit. Beobachtungsstudien können Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Kausalitäten beweisen. Wer vegetarisch lebt, unterscheidet sich häufig auch in anderen Lebensbereichen von Fleischessern: weniger Rauchen, mehr Sport, geringeres Körpergewicht. Diese sogenannten Confounder – Störvariablen – lassen sich statistisch nur begrenzt herausrechnen.
Der Krebs-Epidemiologe Michael Jones vom Institute of Cancer Research in London weist auf einen weiteren Kritikpunkt hin: Die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmenden wurden meist nur zu Studienbeginn per Fragebogen erfasst. Ob jemand seine Ernährung im Laufe der 16 Jahre verändert hat, blieb weitgehend unklar.
Weitere bekannte Schwächen der Untersuchung:
- Das Körpergewicht der Teilnehmenden wurde selbst angegeben – Selbstauskünfte sind fehleranfällig.
- Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen wurden nicht gesondert analysiert, obwohl die Studie vier Länder mit sehr unterschiedlichen Bevölkerungen umfasst.
- Die Qualität der jeweiligen Ernährungsweise wurde nicht untersucht – stark verarbeitete pflanzliche Lebensmittel wurden genauso gewertet wie frisches Gemüse.
- Die Studie zeigt nicht, was bei einer Ernährungsumstellung passiert – sie vergleicht stabile Ernährungsmuster über lange Zeiträume.
Der Zeitfaktor: Alte Daten in einer veränderten Ernährungswelt
Ein oft übersehener Aspekt: Viele Studienteilnehmende wurden bereits in den 1980er oder 1990er Jahren in die Kohorten aufgenommen. Die damalige vegetarische oder vegane Ernährung bestand fast ausschließlich aus klassischen pflanzlichen Lebensmitteln – Gemüse, Hülsenfrüchten, Getreide und Nüssen.
Die heutige Realität sieht anders aus: Der Markt für stark verarbeitete pflanzliche Ersatzprodukte – Fleischersatz aus Isolaten, Milchalternativen mit Stabilisatoren, vegane Fertiggerichte – ist in den letzten Jahren explodiert. Mehrere Studien bringen einen hohen Anteil ultra-processed foods mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten in Verbindung. Ob moderne pflanzliche Ernährungsweisen dieselben Schutzeffekte bieten wie traditionelle, ist bislang nicht ausreichend erforscht.
Fazit: Orientierung, keine Gewissheit
Ernährungswissenschaftlerin Hilda Mulrooney von der London Metropolitan University sieht die Studie als Bestätigung bestehender Ernährungsempfehlungen: weniger rotes und verarbeitetes Fleisch, mehr Vollkornprodukte, Obst und Gemüse. Gleichzeitig betont sie, dass weitere Forschung nötig sei, um die Zusammenhänge genauer zu verstehen.
Die Ergebnisse „ergänzen die bereits starken Hinweise darauf, dass der Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch mit einem höheren Krebsrisiko verbunden ist“, so Nerys Astbury. Ein direkter ursächlicher Zusammenhang lasse sich daraus jedoch nicht ableiten.
Offen bleiben zentrale Fragen: Welche Rolle spielen das Darmmikrobiom, spezifische Nährstoffe oder ultra-verarbeitete pflanzliche Lebensmittel beim Krebsschutz? Und profitieren bestimmte Bevölkerungsgruppen mehr als andere?
| Das wichtigste Fazit |
| Unsere Ernährung beeinflusst unser Krebsrisiko – das ist durch diese Studie erneut belegt. Doch der Zusammenhang ist komplex: Vegetarisch oder vegan zu essen ist kein Freifahrtschein für Gesundheit. Entscheidend sind die Qualität der Lebensmittel, eine ausgewogene Nährstoffversorgung und ein gesunder Lebensstil insgesamt. Die Botschaft lautet: mehr Pflanzen, weniger verarbeitetes Fleisch – und bei veganer Ernährung gezielte Nährstoffkontrolle. |
Quelle
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