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Abnehmspritze im Kreuzfeuer der Kritik: Zwischen Wundermittel und medizinischem Risiko


Seit ihrer Markteinführung gilt die sogenannte Abnehmspritze als eine der größten pharmazeutischen Errungenschaften der jüngsten Zeit. Doch der schöne Schein vom schnellen Gewichtsverlust täuscht: Ärzte und Forscher weltweit warnen zunehmend vor gravierenden Nebenwirkungen – darunter das Risiko eines dauerhaften Sehverlustes.

Ein Medikament auf dem Vormarsch

Das Wirkstoffprinzip hinter den heute millionenfach eingesetzten Abnehmspritzen ist nicht neu: Semaglutid, ein sogenannter GLP-1-Rezeptoragonist, wurde ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt. Das Diabetes-Präparat Ozempic (Semaglutid 1,0 mg) erhielt im Jahr 2018 die Zulassung der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA. Die speziell zur Gewichtsreduktion konzipierte und höher dosierte Variante Wegovy (Semaglutid 2,4 mg) folgte erst im Jahr 2021 mit der FDA-Zulassung und 2023 mit der europäischen Marktzulassung durch die EMA.

Heute wird das Mittel von Millionen von Menschen weltweit eingenommen – von Patientinnen und Patienten, die an Fettleibigkeit (Adipositas), Typ-2-Diabetes oder bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Darüber hinaus wird Semaglutid in klinischen Studien auf seinen möglichen Einsatz bei Suchterkrankungen, darunter Alkohol- und Opioidabhängigkeit, untersucht – ein Befund, der in der Fachwelt großes Aufsehen erregte.

Sehverlust als unterschätzte Gefahr

Die ernüchternden Nachrichten kommen aus renommierten Forschungszentren in den USA, Kanada und Europa: Einer im Jahr 2024 im Fachjournal JAMA Ophthalmology veröffentlichten Studie zufolge ist bei Patientinnen und Patienten, denen Wegovy verabreicht wurde, das Risiko für eine bestimmte Form des Augeninfarkts im Vergleich zu anderen Medikamenten drastisch erhöht – die Rede ist von einem etwa siebenfach erhöhten Risiko.

Dabei handelt es sich um die sogenannte anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION) – im Volksmund auch als „Augeninfarkt” bezeichnet. Bei dieser Erkrankung werden die Sehnerven unzureichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, was zu einem plötzlichen, in der Regel irreversiblen Sehverlust führen kann. Im schlimmsten Fall droht dauerhafte Erblindung auf dem betroffenen Auge.

Das Hauptproblem liegt nach Einschätzung der Forscher in der besonders hohen Konzentration des Wirkstoffs Semaglutid in Wegovy im Vergleich zu anderen Präparaten. Alle auf dem Markt befindlichen Abnehmspritzen enthalten diesen GLP-1-Agonisten, doch Wegovy enthält mit 2,4 mg pro Woche die höchste zugelassene Dosis – und diese Hochdosis scheint das AION-Risiko signifikant zu steigern.

Kein erhöhtes Schlaganfallrisiko – im Gegenteil

An dieser Stelle ist eine wichtige Richtigstellung angebracht: Entgegen mancher Berichte erhöht Semaglutid das Risiko für Schlaganfälle nicht. Mehrere große klinische Studien – darunter die SUSTAIN-6-Studie und die im Jahr 2023 veröffentlichte SELECT-Studie – kommen zu dem gegenteiligen Ergebnis: Bei Hochrisikopatienten mit Übergewicht und bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt Semaglutid das Risiko schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse, einschließlich Schlaganfall und Herzinfarkt, um rund 20 Prozent. Dies ist einer der Hauptgründe, warum das Mittel in dieser Patientengruppe inzwischen ausdrücklich empfohlen wird.

Weitere Bedenken: Gewichtsjojo und psychische Nebenwirkungen

Neben dem Sehverlustrisiko äußern Medizinerinnen und Mediziner weitere Vorbehalte gegenüber der langfristigen Anwendung von Abnehmspritzen.

Ein erstes Problem ist der sogenannte Jojo-Effekt: Patientinnen und Patienten, die das Medikament nach erfolgtem Gewichtsverlust absetzen, nehmen das verlorene Körpergewicht vielfach in kurzer Zeit wieder zu – teils sogar über das Ausgangsgewicht hinaus. Dies deutet darauf hin, dass Semaglutid keine dauerhafte Lösung für Übergewicht bietet, sondern eine kontinuierliche Einnahme erfordert.

Ein zweites, zunehmend diskutiertes Problemfeld sind psychische Nebenwirkungen: Auffällig viele Patientinnen und Patienten berichten nach Beginn einer Semaglutid-Behandlung über Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmungen und andere psychische Beschwerden. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA und die FDA haben entsprechende Signale aufgegriffen und prüfen derzeit, ob ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Eine abschließende Bewertung steht noch aus.

Kostenfrage und Patentablauf

Wegovy ist in Deutschland derzeit auf Rezept erhältlich, wird jedoch von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht erstattet – die monatlichen Behandlungskosten liegen je nach Dosierung zwischen etwa 200 und 300 Euro.

Dies könnte sich mittelfristig ändern: Verschiedene Patente von Novo Nordisk, dem dänischen Hersteller von Wegovy und Ozempic, laufen in den kommenden Jahren schrittweise aus. Sobald die patentrechtlichen Schutzfristen abgelaufen sind, können Generikahersteller – insbesondere in Indien und China – wesentlich günstigere Nachahmerprodukte auf den Markt bringen. Experten erwarten, dass günstige Generika den Preis auf einen Bruchteil der heutigen Kosten senken könnten, was die globale Verbreitung des Wirkstoffs erheblich steigern dürfte.

Dies wirft jedoch neue Fragen zur Sicherheit auf: Während Originalpräparate strengen Qualitätskontrollen unterliegen, bereitet Expertinnen und Experten die unkontrollierte Verbreitung nicht-zugelassener oder qualitativ minderwertiger Generika große Sorge.

Fazit: Nutzen und Risiken sorgfältig abwägen

Semaglutid ist zweifellos ein wirksames Medikament, das für bestimmte Patientengruppen erhebliche gesundheitliche Vorteile bieten kann. Doch die neuen Erkenntnisse zu Augeninfarkten, Jojo-Effekten und möglichen psychischen Nebenwirkungen mahnen zur Vorsicht. Patientinnen und Patienten sollten das Mittel ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht einnehmen und regelmäßige augenärztliche Kontrollen wahrnehmen. Die Medizin steht bei der Bewertung von Langzeitrisiken dieses noch relativ jungen Medikaments erst am Anfang.


Quellen: JAMA Ophthalmology (2024); SUSTAIN-6-Studie (NEJM, 2016); SELECT-Studie (NEJM, 2023); EMA-Produktinformationen zu Wegovy; FDA Drug Approval Database.

Redaktion
Author: Redaktion


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