BusinessTechnikTechnologie

Der KI-Boom treibt die Renaissance der Kernenergie an

Tech-Giganten sichern sich zuverlässigen, CO₂-freien Strom

Der Energiehunger der Künstlichen Intelligenz (KI) wächst rasant. Trainingsläufe und der Betrieb riesiger Rechenzentren verbrauchen inzwischen enorme Mengen Strom – oft im Gigawatt-Bereich. Prognosen zeigen, dass Rechenzentren in den USA bis 2028 bis zu 12 Prozent des gesamten Stromverbrauchs ausmachen könnten. Analysten von Goldman Sachs erwarten eine mehr als Verdopplung des Strombedarfs von Rechenzentren in kurzer Zeit, mit einer starken Beschleunigung durch KI.

Das bestehende Stromnetz (*) stößt an seine Grenzen. Wartezeiten für neue Anschlüsse betragen oft Jahre. Deshalb wenden sich Technologiekonzerne wie Microsoft (*), Google, Meta und Amazon zunehmend der Kernenergie zu: Sie bietet eine stabile, wetterunabhängige Grundlast mit nahezu null CO₂-Emissionen im Betrieb und hohen Auslastungsraten von über 90 Prozent.

Microsoft und Three Mile Island: Ein symbolträchtiger Neustart

Microsoft hat mit einem wegweisenden Deal den Trend mit angestoßen. Das Unternehmen schloss einen 20-Jahres-Stromabnahmevertrag (PPA) mit Constellation Energy ab, um das stillgelegte Kernkraftwerk Three Mile Island Unit 1 wieder in Betrieb zu nehmen. Die Anlage, umbenannt in Crane Clean Energy Center, soll rund 835 Megawatt (MW) liefern – genug für Hunderttausende Haushalte. Der Vertrag hat einen geschätzten Wert im Milliardenbereich; die Kosten für die Wiederinbetriebnahme liegen bei etwa 1,6 Milliarden US-Dollar, unterstützt durch einen Kredit des US-Energieministeriums in Höhe von einer Milliarde Dollar.

Ursprünglich war eine Inbetriebnahme bis 2028 geplant; aktuelle Fortschritte deuten auf eine mögliche Beschleunigung hin, möglicherweise bereits 2027. Wichtig: Es handelt sich um Unit 1, das 2019 aus wirtschaftlichen Gründen (nicht Sicherheitsgründen) abgeschaltet wurde. Der havarierte Unit 2 von 1979 bleibt stillgelegt. Microsoft (*) sieht in bestehenden Kernkraftwerken eine „ungenutzte Ressource“ und investiert zusätzlich in Fachkräfte sowie KI-gestützte Genehmigungsprozesse, um Projekte zu beschleunigen. Rechenzentren sollen künftig möglichst nah an Reaktoren gebaut werden, um Netzverluste zu minimieren.

Weitere Tech-Giganten folgen

  • Amazon hat für 650 Millionen US-Dollar ein Rechenzentrum-Campus neben dem Susquehanna-Kernkraftwerk von Talen Energy erworben. Zunächst ging es um bis zu 960 MW; eine Erweiterung sichert bis 2042 bis zu 1,92 Gigawatt (GW). Das Unternehmen prüft auch den Bau kleiner modularer Reaktoren (SMRs) vor Ort. Die direkte Anbindung umgeht viele Netzprobleme.
  • Google setzt auf zukunftsweisende Technik. Mit Kairos Power gibt es eine Vereinbarung über bis zu 500 MW aus mehreren SMRs. Die erste Demonstrationsanlage Hermes 2 (ca. 50 MW) soll um 2030 ans Netz gehen, mit Unterstützung der Tennessee Valley Authority für Googles Rechenzentren in der Region. SMRs versprechen serielle Fertigung und schnellere Bauzeiten, sind aber noch in der frühen Phase.
  • Meta hat Anfang 2026 mehrere Verträge mit einer potenziellen Gesamtkapazität von bis zu 6,6 GW angekündigt – unter anderem mit Vistra (bestehende Anlagen und Erweiterungen), Oklo (unterstützt von Sam Altman) und TerraPower (gegründet von Bill Gates). Diese sollen den Prometheus-KI-Campus in Ohio versorgen. Die Kombination aus bestehenden und neuen Anlagen könnte Strom für Millionen Haushalte erzeugen.

Warum Kernenergie?

KI-Training und Inferenz (die Nutzung der Modelle) erfordern kontinuierliche, zuverlässige Energie. Erneuerbare Energien wie Solar und Wind sind wetterabhängig und brauchen oft Speicher oder Ergänzung. Kernkraft liefert genau das: Hohe Verfügbarkeit, niedrige Betriebskosten und Klimafreundlichkeit. Microsoft und Google verfolgen ambitionierte Klimaziele (carbon-negative bzw. 24/7 CO₂-frei). Energie hat inzwischen Chips als Engpassfaktor abgelöst.

Zusagen der Tech-Konzerne für neue Kernkapazitäten liegen bei über 10 GW allein in jüngster Zeit. Analysten wie von Deloitte sehen Kernenergie bis 2035 bei etwa 10 Prozent des Rechenzentrums-Strombedarfs – eine sinnvolle Ergänzung zu erneuerbaren Energien.

Herausforderungen und Risiken

Trotz des Aufschwungs gibt es Hürden: Bau- und Genehmigungszeiten sind lang, Kosten können steigen, und SMRs müssen ihre kommerzielle Reife noch beweisen. Die Entsorgung radioaktiven Abfalls bleibt ein sensibles Thema, ebenso öffentlicher Widerstand – besonders an historischen Orten wie Three Mile Island. Eine Reuters-Analyse aus 2025 betont, dass Kernenergie kurzfristig nur einen Teil des Bedarfs decken wird.

Politisch gibt es Rückenwind: Steuervergünstigungen wurden verlängert, das Energieministerium unterstützt Projekte wie Three Mile Island und Palisades. Bundesstaaten wie Tennessee, Alabama und Virginia konkurrieren um Rechenzentren und Investitionen.

Ein Wendepunkt für die Energieversorgung

Constellation Energy profitiert stark, ebenso andere Betreiber. Die Kernfusion (z. B. Microsofts Deal mit Helion) ist noch Jahrzehnte entfernt, daher bleibt die bewährte Spaltung – ergänzt durch SMRs – die realistische Brücke.

Gemeinden profitieren oft durch Jobs und Steuereinnahmen, doch Sicherheitsdebatten halten an. Insgesamt markiert der KI-Boom einen fundamentalen Wandel: Energie wird zum strategischen Faktor für Wachstum und Klimaziele. Ohne ausreichende zuverlässige Kapazitäten drohen Verzögerungen bei der KI-Entwicklung oder ein Rückgriff auf fossile Brennstoffe.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die ambitionierten Zeit- und Kostenpläne halten. Ein Erfolg könnte die Kernenergie nach Jahrzehnten der Stagnation neu beleben. Der Strombedarf der Tech-Branche steigt jedenfalls weiter – und die Suche nach passenden Lösungen hat erst begonnen.


Anzeige
ASIN: B00DEHFQDW

Kernenergie: Eine Technik für die Zukunft?

4.5
29,99 €

Was ist Kernenergie? Wie funktionieren Kernkraftwerke? Welchen Beitrag zur Energieversorgung liefern sie, und was sind dabei die Risiken?


Schreibe einen Kommentar

⚡ Cached with atec Page Cache