Die Hypothese des sparsamen Gens – Mythos oder Wirklichkeit?
Die sogenannte Hypothese des sparsamen Gens, erstmals 1962 vom Genetiker James V. Neel formuliert, hat sich im Laufe der Jahre zu einer weit verbreiteten Theorie entwickelt, die den Ursprung von Fettleibigkeit und Diabetes mellitus Typ 2 erklären soll. Doch wie stichhaltig ist diese Annahme heute noch?
Die Grundlagen der Hypothese des sparsamen Gens
Neel postulierte, dass Gene, die in der Vergangenheit für Überlebensvorteile sorgten, durch die modernen Lebensbedingungen schädlich geworden seien. Diese „sparsame Gene“ sollten es Menschen ermöglichen, in Zeiten von Nahrungsmangel effizient Fettreserven aufzubauen, um Hungerperioden zu überstehen. In der heutigen Welt des Nahrungsüberflusses jedoch bereitet der menschliche Körper sich weiterhin auf Hungersnöte vor, die nie eintreten. Als Folge nehmen chronische Fettleibigkeit und Diabetes zu – so Neels These.
In den 1970er-Jahren erlangte die Theorie große Aufmerksamkeit, wurde später jedoch zunehmend infrage gestellt. Heute gilt sie in vielen Fachkreisen als überholt.
Kritik an der Theorie
Ein genauer Blick auf die Hypothese zeigt einige Schwächen:
- Überleben in der Wildnis: Fettreserven können in der freien Natur eher einen Nachteil darstellen. Langsamere und weniger agile Tiere – sei es Beute oder Raubtier – haben geringere Überlebenschancen.
- Beispiele aus der Natur: Nahrungsüberfluss führt in Tierpopulationen, wie bei Ratten, zu einer Zunahme der Anzahl, jedoch nicht zu einer abnormalen Fettleibigkeit.
- Hormonelle Steuerung: Der menschliche Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System aus Hungersignalen und Sättigungshormonen. Endloses Essen ist weder möglich noch sinnvoll.
Historisch zeigt sich zudem, dass in einigen Gesellschaften Nahrung das ganze Jahr über in ausreichender Menge vorhanden war. Dennoch stieg die Fettleibigkeit erst seit den 1970er-Jahren signifikant an. Dies deutet darauf hin, dass externe Faktoren wie moderne Ernährung und Lebensweisen eine größere Rolle spielen als genetische Veranlagung.
Die wahre Ursache: Hormonelles Ungleichgewicht
Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass ein komplexes hormonelles Ungleichgewicht – allen voran hohe Insulinwerte – die Hauptursache für Fettleibigkeit und Diabetes ist. Schon vor der Geburt beeinflusst das Umfeld im Mutterleib das Hormonprofil eines Babys und kann die spätere Gewichtsentwicklung maßgeblich prägen.
Fazit: Gene sind nicht die einzige Antwort
Obwohl erbliche Faktoren eine Rolle spielen – Studien sprechen von bis zu 70 Prozent Einfluss – bleibt ein bedeutender Anteil, den wir durch unsere Lebensweise aktiv steuern können. Eine einfache Lösung wie Diäten reicht jedoch selten aus, da hormonelle und umweltbedingte Einflüsse stärker ins Gewicht fallen.
Lernen Sie Ihren Körper verstehen: Nachhaltige Gewichtsregulierung erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl Hormone, Ernährungsgewohnheiten als auch Bewegung berücksichtigt.