Strompreise, Kraftwerke, Kapazitätsumlage – was Haushalte jetzt wissen sollten
Die Bundesregierung plant neue Gaskraftwerke als Lückenbüßer für Wind und Sonne. Die Kosten dafür landen über eine neue Umlage bei uns. Was steckt dahinter – und was kann man selbst tun?
Warum überhaupt neue Kraftwerke?
Deutschland hat in kurzer Zeit zwei große Energiequellen abgeschaltet: Atomkraft (2023 vollständig) und Kohlestrom (schrittweise bis 2038). Das Problem: Wind und Solar liefern keinen gesicherten Strom – an ruhigen, bewölkten Wintertagen kann die Produktion fast auf null fallen. Fachleute nennen das „Dunkelflaute“.
Für diese Lücke plant die Regierung neue Gaskraftwerke, die nur bei Bedarf anspringen – und später auf Wasserstoff umgerüstet werden sollen.
Was ist eine Kapazitätsumlage – und warum zahlen wir?
Normaler Stromverkauf lohnt sich nicht, wenn ein Kraftwerk fast nie läuft. Kein Investor baut ein solches Kraftwerk, wenn er nicht dafür bezahlt wird, dass es bereitsteht – unabhängig davon, ob es gerade Strom produziert oder nicht.
Diese Bereitschaftszahlung heißt Kapazitätszahlung. Sie wird voraussichtlich über eine neue Umlage oder über höhere Netzentgelte an die Verbraucher weitergegeben. Vergleichbar ist das mit einer Versicherungsprämie: Man zahlt auch dann, wenn man nichts in Anspruch nimmt.
Konkrete Belastung pro Haushalt
Ist das genug? Die ehrliche Antwort: Nein – aber es ist auch nicht nichts
10–12 GW sind der Mindestbedarf, keine Vollversorgung. Eine sichere Energieversorgung braucht das Zusammenspiel mehrerer Bausteine:
- Neue Gaskraftwerke (geplant)
- Großspeicher für Strom (Batterien, Wasserstoff) – noch im Aufbau
- Netzausbau – läuft, aber zu langsam
- Flexibler Verbrauch (Wärmepumpen, E-Autos) – noch kaum geregelt
- Weiterer Ausbau von Wind und Solar – Tempo schwankt
Das Risiko einer größeren Versorgungslücke bis 2038 ist ein mögliches, kein gesichertes Szenario – es tritt vor allem ein, wenn mehrere Bausteine gleichzeitig in Verzug geraten.
Wichtige Kritik: Marktmacht der großen Energieversorger
Warnung des Bundeskartellamts
Warnung des Bundeskartellamts
Das Bundeskartellamt warnt davor, dass wenige große Energieunternehmen (z. B. RWE, E.ON/Uniper) den Markt für neue Kraftwerke unter sich aufteilen könnten. Je mehr Kraftwerke ein Anbieter besitzt, desto stärker kann er Preise beeinflussen.
Empfehlung: Begrenzung der Projekte pro Anbieter (sog. „Bieterobergrenzen“). Diese Regelung ist im aktuellen Gesetzentwurf nicht klar verankert – ein berechtigter Kritikpunkt.
Wird Strom jetzt teurer?
Ja – für Versorgungssicherheit zahlt man künftig direkt. Aber der Gesamtpreisverlauf hängt von mehr ab:
Was kurzfristig steigt
Was langfristig sinken kann
Was Sie jetzt konkret tun können
Die Politik setzt den Rahmen – aber Haushalte haben mehr Spielraum als oft gedacht:
| Tarif prüfen | Verbrauch verschieben | Balkon-PV prüfen | Standby abschalten |
|---|---|---|---|
| Vergleichsportale (z. B. Verivox, Check24) nutzen. Dynamische Tarife (z. B. Tibber, Ostrom) können bei flexiblem Verbrauch günstiger sein. | Waschmaschine, Geschirrspüler oder E-Auto-Laden in günstige Zeiten legen (oft nachts oder mittags bei viel Sonne). | Steckersolargeräte ab ~300 € amortisieren sich in 3–5 Jahren. Seit 2024 deutlich einfacher anzumelden. | Abschaltbare Steckdosenleisten sparen 50–100 kWh/Jahr. Alte Geräte (Kühlschrank, Waschmaschine) ersetzen, wenn möglich. |
Fazit
Die neue Kapazitätsumlage ist kein politischer Fehler, sondern eine Konsequenz aus dem Umbau des Energiesystems. Deutschland zahlt künftig nicht nur für produzierten Strom, sondern auch für die Bereitschaft, Strom liefern zu können – wie eine Art Versicherung.
Berechtigt sind die Kritikpunkte an fehlenden Wettbewerbsregeln und der noch nicht ausreichenden Koordination aller Bausteine der Energiewende. Ob die Strompreise stark steigen, entscheidet sich weniger an dieser einen Umlage – sondern daran, ob Netze, Speicher und erneuerbare Energien in den nächsten Jahren schnell genug ausgebaut werden.

